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Pfr. Große referiert beim Männerverein über die Kirche im Nationalsozialismus

Pfarrer Norbert Große über die Kirche in der NS-ZeitLeicht machte es sich Pfarrer Norbert Große nicht, als er sich am vergangenen Sonntag im Pfarrheim St. Josef im Rahmen der Vortragsreihe des Katholischen Männervereins mit dem Thema „Papst Pius XII. und die Kirche im Nationalsozialismus – Tatsachen, die oft verschwiegen werden" auseinandersetzte.

Er könne verstehen, wenn heute die Meinung vertreten werde, dass es reichen würde, was über die Zeit des Dritten Reiches in den vergangenen 65 Jahren in Wort, Schrift, Funk, Fernsehen und Film veröffentlicht wurde. Doch seine eigene Familiensituation sei auch heute noch von der Zeit des Zweiten Weltkrieges beeinflusst. So wurden Familienangehörige über den ganzen deutschen Sprachraum von Rostock/Ostsee bis nach Wien/Österreich verstreut. Als 16-Jährigen habe man seinem Vater in den Volkssturm geschickt. Bevor er den ersten russischen Soldaten sah, kamen ihm flüchtende deutsche Soldaten entgegen und sagten: „Haut bloß schnell ab. Der Krieg ist verloren!"

 

Mit dem Thema „Kirche im Nationalsozialismus" beschäftige er sich heute noch, zumal diese schlimme Zeit auch außergewöhnliche Persönlichkeiten, wie Pater Maximilian Kolbe und die Geschwister Scholl hervorgebracht habe. Schließlich sah er sich gedrängt, sich mit diesem Thema intensiver auseinander zu setzen, weil es extrem unterschiedliche Beurteilungen und Veröffentlichungen gebe. So gehen Aussagen wie das Verhalten der Kirche im Nationalsozialismus zu bewerten sei, sehr weit auseinander. Das werde vor allem bei der Frage der Judenverfolgung deutlich. Jene, die diese Zeit nicht miterlebt haben, sollten äußerst vorsichtig und zurückhaltend sein, ein Urteil zu fällen.

 

Pfarrer Große beschäftigte sich mit der Auseinandersetzung von Kirche und Nationalsozialismus vor der Machtergreifung Hitlers im Jahre l933. Nach der Reichstagswahl l930, die NSDAP erhielt 18 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste politische Kraft, stellte sich für die deutschen Bischöfe die Frage, inwieweit die Kirche mit diesen Leuten zusammenarbeiten könne und ob ein Katholik auch Nationalsozialist sein könne. Im Februar l931 erließen die bayerischen Bischöfe eine Anweisung an die Seelsorger, in der es hieß: „Führende Vertreter der Nationalsozialisten stellen die Rasse höher als die Religion. Sie lehnen die Offenbarungen des Alten Testamentes und sogar das mosaische Zehngebot ab. Sie lassen das Primat des Papstes nicht gelten und spielen mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche. Die Bischöfe müssen also als Wächter der kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre vor dem Nationalsozialismus warnen."

Schwierig wurde die Haltung der Kirche, als Hitler am 30. Januar l933 zum Reichskanzler gewählt wurde. Nach seiner Übernahme des Regierungsamtes machte Hitler gegenüber der Kirche große Zusagen und Versprechungen. So hieß es: „Die nationale Regierung werde das Christentum als Basis unserer Moral in ihren festen Schutz nehmen."

Ein wichtiger Schritt in der Beziehung zwischen Kirche und Nationalsozialismus war der Abschluss des Konkordates am 22. Juli 1933, das von Vizekanzler von Papen und dem Kardinalstaatssekretär Pacelli, dem späteren Papst Pius XII, unterzeichnet wurde. Es schien, die Behauptung zu widerlegen, der Nationalsozialismus sei kirchen- und christenfeindlich. Doch schon bald kam es zu einem offenen Kirchenkampf. Hitler wollte das Christentum ausrotten. Es kam zu einer Verlogenheit durch die Nazis, die nur schwer durchschaubar war. Immer mehr wurde das Reichskonkordat zum Hauptstreitpunkt.1936 wurde die Bevölkerung von den Nazis verstärkt zum Kirchenaustritt aufgefordert. Nicht veröffentlichte Eingaben und Verhandlungen der Bischöfe um die Verwirklichung der Konkordatsbestimmungen schlugen fehl. Papst Pius XI erließ die Enzyklika „Mit brennender Sorge". Die Nazis schreckten vor Gewalttaten gegen Bischöfe nicht zurück. Durch die Hitlerherrschaft wurden in Deutschland und in den besetzten Gebieten über 4.000 katholische Priester getötet.

In einem l963 uraufgeführten Drama von Rolf Hochhuth

„Der Stellvertreter" wurden Papst Pius XII. schwere Vorwürfe gemacht und die Frage aufgeworfen: Hätte die Kirche nicht mehr für die verfolgten Juden tun müssen oder tun können. Man könne den Bischöfen den Vorwurf nicht ersparen, dass sie zu spät, zu wenig entschlossen für die Juden eingetreten sind.

Zur Verteidigung von Papst Pius XII. sei nach Meinung von Pfarrer Große zu sagen, dass sein Entschluss, sich öffentlich zur Vernichtung der Juden zu äußern, vielmehr zu schweigen, deshalb geschah, um noch schlimmeres Unheil zu vermeiden. Er versuchte im Stillen und Verborgenen zu helfen und zu retten, so gut es ging. Pfarrer Große zitierte eine Vielzahl von Veröffentlichungen, darunter den angesehenen jüdischen Theologen und Geschichtsforscher Pinchas Lapide der festhielt: „Die katholische Kirche ermöglichte unter dem Pontifikat von Pius XII., die Rettung von 700.000, wahrscheinlich sogar 860.000 Juden vor dem gewissen Tod durch die Nationalsozialisten."

Noch vor dem ergreifenden Filmstreifen „Die Macht der Päpste" zitierte Pfarrer Große die Stellungnahme der Deutschen Bischofkonferenz im Jahre l983 zum Thema „Kirche und Nationalsozialismus" in der es heißt: „Wir wissen, dass es auch in der Kirche Schuld gegeben hat. Viele Glieder der Kirche ließen sich in Unrecht und Gewalttätigkeit verstricken. Wir dürfen aber erneut bezeugen, dass Kirche und Glaube eine der stärksten Kräfte im Widerspruch, ja im Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren, in mancher Hinsicht sogar die stärkste. Das nimmt uns in Pflicht."

In der anschließenden Diskussion hatte Bürgermeister a.D. Fred Lehner das mutige, couragierte Auftreten und Verhalten gegen den Nationalsozialismus durch Bischöflichen Geistlichen Rat, Pfarrer Jakob Raß, dem Erbauer der Pfarrkirche St. Johannes, bei der Zerstörung der Flosser Synagoge in der Reichskristallnacht l938 und bei seinen Predigten in der Kirche, herausgestellt.

Vorsitzender Helmut Weig schloss den eindrucksvollen und erlebnisreichen Vortragsabend mit den Worten: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann auch die Zukunft nicht meistern."

Text und Bild von Fred Lehner

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